Begegnung.

Ich stolperte durch den Wald. Der Boden war nicht ebenerdig und so versuchte ich nicht beim laufen hinzufallen. Ohne genaues Ziel lief ich umher, meine Gedanken waren schienen zu schweben – zumindest hier. Der Wald faszinierte mich in seiner Vielfältigkeit sowie in seiner Schönheit. Hier konnte man frei sein, bzw. sich frei fühlen. Denn frei war wirklich keiner auf dieser Erde. Sei es körperliche Einschränkung oder die eigenen Gedanken, die dafür sorgten niemals frei sein zu können.  Hätte ich ihn zu diesem Zeitpunkt seinen Standort gewusst, hätte man meinen können, ich wäre zielstrebig auf ihn zu gelaufen. Aber nun ja, ich kannte seinen Standort in diesem Moment nicht – ich kannte nicht einmal ihn selbst.

Ich schaute den Vögeln beim singen zu und drehte mich immer wieder paranoid um meine eigene Achse, um zu schauen, ob ich noch alleine war. Ich mochte es nicht in fremder Gesellschaft meine Gedanken kreisen zu lassen. Ich fing an eine Melodie vor mich her zu summen, als ich zusammenfuhr. Ich war nicht alleine – ich stand auf einer Art Hügel und konnte weiter unten in den Wald schauen.  An einem kleinen Tümpel stand jemand. Ein Junge, ca. 1.80m groß.

Ich versuchte näher an ihn heran zu kommen, denn er weckte mein Interesse. Am anderen Ende des Hügels angekommen kniete ich mich auf den feuchten Waldboden.

Er hatte blonde Haare und so weit ich mich nicht täuschte, hatte er blaue Augen. Er drehte sich um und ich musste zusammenzucken. Seine verschwitzten, relativ langen Haare hingen ihm im Gesicht. Um ihn besser erkennen zu können stand ich auf und beugte mich  nach vorne. Er schien beschäftigt zu sein, rupfte immer wieder blutrote Mohnblumen aus dem Waldboden und warf sie ins schwarze Tümpel Wasser. Er kam mir so bekannt vor – er zog mich an.

In diesem Moment geschah der Fehler. Ich lehnte mich zu weit über, kippte ruckartig um und rutschte den gesamten Hügel hinunter, bis ich vor seinen Füßen liegen blieb. Er drehte sich um und schaute direkt über mir in meine Augen. Seine linke Hand hatte er in seine Hüfte gestemmt und in seiner rechten hielt er ein abgenutztes Skateboard. Ich lief rot an – er regte sich nicht. Verlegen stand ich auf, wischte mir die Blätter von den Beinen und streifte meine hüftlangen, dunkelblonden Haare hinter meine Ohren. Plötzlich prustete er los. Total überfordert konnte auch ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. Ich wusste nicht wieso, aber er war mir schon in der ersten Sekunde, in der ich ihn sah, sympatisch. Er war größer als ich erwartet hatte und auch seine Augen waren nicht einfach blau – nein, sie hatten etwas eisiges, kaltes, verlorenes. Seine Augen schienen fast weiß zu sein. Seine eisblauen Augen fokussierten meine Haare, die in der kühlen Waldluft abzuheben schienen. Es war schon spät geworden. Ich schaute auf meine Uhr und ohne mich vorzustellen oder zu entschuldigen verabschiedete ich mich und verschwand im Unterholz. Kurze Zeit später befand ich mich auf der Straße direkt vor dem Wald.

Ich hasste mich dafür, dass ich mich nicht vorgestellt oder ihn nach seinem Namen gefragt hatte.

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